KTM 690 Enduro

Natürlich lag es nahe, dass wir auch die 690 Enduro testen müssen, wenn wir schon im Herbst 2008 von der 690 SMC so angetan waren.

Im Alltag Enduro zu fahren bedeutet: viele, viele Asphaltkilometer, hin und wieder ein Feld- oder Waldweg, hier und da bei Gelegenheit ein Schotterpass und in den Ferien eine Endurotour. Wer auf der Straße Meter macht, ist meist mit einem Straßenmoped besser bedient, doch mit welchem Bike fahre ich dann in den Ferien meine Endurotour? Außerdem möchte ich auch zwischendurch mal abseits der geteerten Hauptstraßen ins Grüne fahren. Also braucht man zwei Mopeds oder eine Großenduro des Kalibers GS 1200 oder KTM Adventure! – Nein, braucht man nicht!

Es gibt die KTM 690 Enduro und die kann das alles. Wir haben uns davon überzeugt. Auch wenn es kurz vor Weihnachten ganz schön kalt im bayerischen Oberland war, konnte uns das nicht von unseren Endurotouren abhalten. Die groben Pirellis bissen sich in den teilweise morastigen Boden und übertrugen die 63 Pferdestärken gut kontrollierbar. Für Offroad-Neulinge oder richtig schwierige Parcours lässt sich die Leistung via Mappingstellrad, das sich unter der Sitzbank befindet, auf zirka 40 PS reduzieren. Die doch sehr vehemente Spitzenleistung in den Einstellpositionen Standard und Advanced lassen das Fahren in schwierigerem Gelände für Hobby- Enduristen in überflüssige Konzentrationsarbeit ausarten. Gut, dass man bei KTM mitdenkt. Die orangene Vormachtstellung im Offroadbereich begründet sich genau auf diese effektvollen Kleinigkeiten.

Das Fahrwerk ist wie immer von WP Suspension und besitzt vielfältige Verstellmöglichkeiten, die man beim Fahren abseits befestigter Pfade auch nutzen sollte, da die Grundeinstellung für die Straße ausgelegt und somit etwas zu straff ist. Mit dieser Einstellung fühlt sich die Enduro allerdings auf Highway und Country Road sehr wohl. Mit den serienmäßig montierten Metzeler Enduro 3 oder auch mit den nicht ganz so groben Heidenau Snow liegt die 690er bis zur Topspeed von zirka 175 km/h ausgesprochen ruhig auf der Straße. Selbst mit den groben Pirelli-Enduroreifen ließen sich hohe Geschwindigkeiten auf grader Straße unspektakulär fahren. Allerdings hielten wir uns bei der frostigen Witterung mit den groben Pirellis in Bezug auf eine flotte Gangart ein wenig zurück, da sie auf dem kalten Teeruntergrund sehr unwillig Haftung aufbauten, was allerdings für meterlange Burnouts gut war.

Um bei diesen Temperaturen die Straßentauglichkeit der 690er Enduro zu testen, montierten wir kurzerhand  den Heidenau K60 Snow und genossen beim Ausritt zum berühmt-berüchtigten Kesselberg die exzellenten Asphaltqualitäten der neuen LC4. Einen Vergleich zur alten Modellreihe braucht man nicht anzustreben - hier ist alles neu! Wie bei der 690 SMC nimmt man auch auf der Enduro auf dem Spritfass Platz. Der 13 Liter fassende Heckrahmenersatz trägt nicht nur den Fahrer, sondern auch den Sozius, der auf diesem Bike auf kürzeren Touren sogar freiwillig mitfährt und auf längeren nicht zu arg unter der schmalen Sitzbank zu leiden hat. Leider lässt sich aufgrund der Position des Tankeinfüllstutzens direkt hinter der Sitzbank die Gepäckrolle nicht mehr einfach so auf das Heck schnallen. Bei jedem Befüllen mit Brennstoff wäre es notwendig erst die Fracht vom Heck zu entfernen, um an den Tankverschluss zu gelangen. Echte Offroader werden somit jedes Mal fluchen. Laut KTM wird es in Zukunft allerdings Touringzubehör direkt aus dem eigenen Hause geben. Ob es dann einfacher wird, sein Gepäck tankfreundlich unterzubringen, wird sich zeigen. Wen es allerdings nicht stört, dass man eventuell ein wenig Aufwand vor dem Tankvorgang betreiben muss, den werden auf jeden Fall die Offroad-, Touren- und Offroadtouren-Qualitäten der neuen LC 4 begeistern. Lange genug wurde ihr Aggregat mittlerweile in der 690 SM getestet und die Standhaftigkeit des Motors bestätigt. Weltenbummler, die nicht nur eine Enduro für Schotterpisten suchen, sondern auch Hügel erklimmen und Stein- und Baumhindernisse überwinden wollen, die finden in der neuen KTM eine treue Begleitung. Der Sattel lässt einen sehr guten Beinschluss beim stehenden wie auch sitzenden Fahren zu und wenn er auch nicht der Sitzqualität unseres Wohnzimmersessels entspricht, ist er ausreichend bequem und durchaus für eine ausgedehnte Endurowanderung zu gebrauchen.

Die Ergonomie lässt sich durch die vierfach verstellbare Lenkerposition auf den jeweiligen Fahrer anpassen, indem die Klemmböcke gedreht und verschoben werden. Alle verwendeten Komponenten sind KTM-typisch aus bekannt hochwertiger Herstellung. Neben Bauteilen aus der eigenen Fertigung wird auch bei Kaufteilen auf Qualität gesetzt. Neben den schon genannten Federelementen setzt man bei der Verzögerung auf altbewährte Erzeugnisse des italienischen Herstellers BREMBO, bei den Felgen auf DID und bei der Kupplung auf eine APTC-Antihopping-Kupplung.

Mit 250 Millimetern vorne wie auch hinten fallen die Federwege nicht üppig aus, erwiesen sich allerdings durchaus als ausreichend. Die R-Version der 690er bietet mit 275 Millimetern für den Hardcore-Enduristen noch etwas mehr Spielraum für den Ritt durch extra raues Gelände.

KTM schafft es, mit der 690er Enduro die Lücke zwischen den Wettkampf- Offroadern und den Reiseenduros zu schließen. Kein anderer Hersteller bedient den kompletten Offroadsektor von 50 ccm bis knapp 1000 ccm. Auch wenn es den einen oder anderen stört, dass der Tankeinfüllstutzen unterm Reisegepäck begraben ist, kommt trotzdem die neue Hardcore-Reiseenduro aus Mattighofen! KTM 690 Enduro – das Abendteuer kann beginnen.

Fahrerkleidung:
O’Neal MX, Held, Berik, HJC, Thor, HZ, ProGrip